Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen: Vier selbständige Kirchengemeinden unter einem Dach

Am 1. Januar 1994 sind aus den fünf Gemeindebezirken der Kirchengemeinde Friedrichshafen vier selbständige Kirchengemeinden geworden, die zusammen die Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen bilden. Seither hat jede Einzelgemeinde einen Spielraum zur Entfaltung eigener Aktivitäten, zugleich bringt sich jede in die Gesamtkirchengemeinde ein, arbeitet mit an Aufgaben, die alle angehen oder die eine Gemeinde allein nicht schultern könnte.

Angefangen hat die Geschichte der evangelischen Gemeinde Friedrichshafens in der Schlosskirche, so war es nur natürlich, dass die Schlosskirchengemeinde als Traditionsgemeinde auch dann noch Mittelpunkt blieb, als die Stadt wuchs und ab den 1950er und 1960er Jahren um die ursprüngliche Gemeinde herum neue Gemeindebezirke entstanden. In den 80er Jahren wurde der Wunsch immer deutlicher, selbständige Einzelgemeinden zu bilden und zur Gesamtkirchengemeinde zusammenzuschließen.
Anfang der 90er Jahre machte der Blick auf andere Kirchengemeinden ähnlicher Größe Mut, von der zentralistischen Struktur abzugehen und eine neue Struktur mit selbständigen Einzelgemeinden zu schaffen. Diese sollten sich einerseits auf ihren eigenen Wirkungsbereich konzentrieren, andererseits aber in geschwisterlichem Miteinander Aufgaben in einer Gesamtkirchengemeinde übernehmen. Die Pfarrer und ihre Gemeinden sollten einander als gleichberechtigte Partner begegnen, ihre jeweiligen Stärken einbringen und neben den eigenen Wünschen stets auch das Wohl der Gesamtheit im Auge behalten.
1993 beschloss der Kirchengemeinderat der evangelischen Kirchengemeinde Friedrichshafen die Umbildung, am 1. Januar 1994 wurde sie vollzogen. Aus den bisherigen Gemeindebezirken I und II wurde die evangelische Schlosskirchengemeinde mit den Gemeindebezirken I (Innenstadt bis östliche Riedleparkstraße, d.h. Altstadt, Kleinerberg und Nordstadt) und Gemeindebezirk II (Innenstadt ab westlicher Riedleparkstraße bis zum westlichen Stadtende, d.h. Hofen, Oberhof, Seemoos und Windhag). Aus dem Bezirk III wurde die evangelische Erlöserkirchen-Gemeinde (Löwentalsiedlung, Allmannsweiler und Allmannsweilersiedlung, Trautenmühle und Mühlösch, Wiggenhausen-Süd und Meistershofen), aus dem Bezirk IV die evangelische Bonhoeffer-Gemeinde (Schreienesch, Kitzenwiese, St. Georgen) und aus dem Bezirk V die evangelische Paul-Gerhardt-Gemeinde (Jettenhausen, Waggershausen, Heinrich-Heine-Straße und Zeppelindorf), dazu kommt noch die Klinikseelsorge im Klinikum. Sie alle bilden zusammen die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen. Die Geschäftsführung liegt beim Pfarrer bzw. der Pfarrerin der Schlosskirchengemeinde I sowie bei dem oder der gewählten Vorsitzenden des Gesamtkirchengemeinderats. Die evangelischen Kirchengemeinden Ailingen und Manzell/Fischbach, die ebenfalls in Stadtteilen Friedrichshafens liegen, sind autark, sie gehören nicht zur Gesamtkirchengemeinde.

Die neue Gemeinschaft

Bei den Einzelgemeinden gibt es Aufgaben, die sich in jeder Gemeinde gleich stellen: Jede kümmert sich um ihre Jugend, veranstaltet Gottesdienste auch für Kinder und Jugendliche, organisiert den Konfirmandenunterricht, bietet Vorträge oder Bibelstunden für Erwachsene an, organisiert Seniorentreffs, hält Kontakt zu katholischen, freikirchlichen oder weiteren Nachbargemeinden. Überall liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Gottesdiensten, in die sich die Gemeindemitglieder einbringen können. Hier wie auf anderen Gebieten gibt es Möglichkeiten zur Entfaltung eigener Initiativen. Der überschaubare Kreis bietet bessere Möglichkeiten für Gespräche und Begegnungen untereinander wie auch mit dem Gemeindepfarrer. Der Haushaltsplan der einzelnen Gemeinden erlaubt zwar keine großen Sprünge, aber doch mehr Flexibilität bei Anschaffungen oder bei Feiern innerhalb der Gemeinde.

Zugleich ist jede Gemeinde Teil der Gesamtkirchengemeinde und als solche auch verantwortlich für das Ganze. Die Grenzen sollen nicht trennen, sondern den Einzelnen wie die Gemeinschaft stärken. Dazu gehört nicht nur die Öffnung für die anderen, die gegenseitige Einladung zu Festen, Gottesdiensten oder Konzerten, sondern vor allem die Verteilung von Aufgabenschwerpunkten, die alle betreffen, auf mehrere Schultern. Auch wenn beispielsweise jede Gemeinde ihren Jugendlichen eigene Angebote macht, ist es sinnvoll, größere Aktionen zu bündeln, zu koordinieren, z.B. das Programm der Landeskirche zu beobachten und interessante Angebote aufzunehmen. Es muss auch einen Ansprechpartner geben für das ejw (Evangelisches Jugendwerk) oder den CVJM (Christlicher Verein junger Menschen), jemanden, der den Kontakt hält und pflegt.
Diese Überlegungen gelten ebenso für andere Bereiche der Gemeindearbeit. Daher bot es sich an, dass jedes Pfarramt bestimmte Aufgabengebiete für alle Gemeinden koordiniert. So liegt beim Pfarramt Schlosskirchengemeinde I die Geschäftsführung der Gesamtkirchengemeinde. Auch die Kirchenmusik ist dank des barocken Raumes mit seinen zwei Orgeln eng an die Schlosskirche geknüpft, wobei die Kantorei eine Einrichtung der Gesamtkirchengemeinde ist. Ihre Konzerttätigkeit beschränkt sich daher nicht nur auf die Schlosskirche: Der Gospelchor „Almost Heaven" oder die Kinder- und Jugendkantorei treten mit ihren Konzerten und Kindermusicals regelmäßig auch in Nachbargemeinden auf.
Da im Bereich der Schlosskirchengemeinde II die großen Altenheime, das Gustav-Werner-Stift und das Königin-Paulinenstift, liegen, lag es nahe, an dieses Pfarramt die Diakoniestation, die Nachbarschaftshilfe und die sonstige diakonische Arbeit zu knüpfen, während der Pfarrer der Erlöserkirche verantwortlich ist für die gemeinsame Jugendarbeit. Bei der Bonhoeffer-Gemeinde liegt die Verantwortung für die sechs Kindergärten im Bereich der Gesamtkirchengemeinde, in der Paul-Gerhardt-Kirche, in deren Bereich ein Drittel der Gemeindemitglieder deutschstämmige Aussiedler aus Russland sind, liegt der Aufgabenschwerpunkt auf dem Kontakt mit ihnen wie auf dem christlich-islamischen Dialog. Dazu kommt die Erwachsenenbildung, beispielsweise die Koordination von Vorträgen oder Seminaren.
Das Klinikpfarramt, das zur Gesamtkirchengemeinde gehört, aber keine eigene Gemeinde darstellt, ist für das Klinikum mit seinen 400 Betten und auch für das Hospiz in Friedrichshafen zuständig. In der 2002 neu gestalteten Kapelle werden sonntags um 9 Uhr im Wechsel evangelische und katholische Gottesdienste gefeiert.
Neben diesen festgelegten Aufgabenschwerpunkten werden zahlreiche weitere Möglichkeiten genutzt, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Hierher gehören der Kanzeltausch mit anderen Gemeinden, Gottesdienste am Ostermorgen und am Ewigkeitssonntag auf dem Friedhof, die von den Pfarrern reihum gestaltet werden, hierher gehören auch Einladungen zu besonderen Festgottesdiensten oder Kantaten zum Mitsingen. Die Gesamtkirchengemeinde feiert auch gemeinsame Feste wie zum Beispiel zur Einweihung des renovierten Gemeindehauses in der Scheffelstraße, zu der rund 500 Mitglieder aus allen Gemeinden strömten. 2012, im Festjahr „200 Jahre Evangelische in Friedrichshafen", fanden das ganze Jahr über gemeinsame Veranstaltungen statt.

Warum Friedrichshafen einen „Codekan" hat

Um den Dekan des Kirchenbezirks Ravensburg, des flächenmäßig größten in der Landeskirche, zu ent-lasten, wurde 1992 probeweise das Modell „Zwei Dekanate in einem Kirchenbezirk" eingeführt. Dabei übernahm der geschäftsführende Pfarrer in Friedrichshafen als Dekan die dekanatamtlichen Aufgaben für die Bodensee-Region, d.h. für das Gebiet des Altkreises Tettnang, während diese für den übrigen Kirchenbezirk sowie die Leitung des Kirchenbezirks beim Ravensburger Dekan verblieben. Wichtigster Bereich der dekanatamtlichen Aufgaben ist die Visitation der Gemeinden, aber z.B. auch die Einführung neuer Pfarrer in den Gemeinden.
2004 wurde im Bezirk Ravensburg probeweise erstmals in der Landeskirche als ständige Einrichtung die Stelle des Codekans eingeführt. Der Codekan teilt sich mit dem Dekan im Kirchenbezirk die dekanatamtlichen Aufgaben und er unterstützt den Dekan als dessen Stellvertreter in der Leitung des Kirchenbezirks. Die Stelle des Codekans ist mit der Geschäftsführung der Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen verbunden und ist seit 2011 mit Ende der Probephase als ständige Stelle im landeskirchlichen Stellenplan.