Zur Entwicklung der evangelischen Kirchengemeinde Friedrichshafen von den Anfängen bis heute.

Aufbruch

Gegründet wurde die evangelische Kirchengemeinde Friedrichshafen 1812 vom württembergischen König Friedrich, der einer aus anfangs rund 18 Personen bestehenden Gemeinschaft die Schlosskirche als Gottesdienstraum zuteilte. Der Zu- bzw. Wegzug von evangelischen Gemeindemitgliedern erfolgte überwiegend durch dienstliche Versetzungen in Fachämtern wie der Zollverwaltung. Erst nach 1840 kann man von einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung sprechen. Maßgeblich war die Persönlichkeit Karl Wilhelm Ferdinand Leubes (1803-1864), dem es gelang, eine ständige Stadtpfarrstelle zu erwirken und zugleich einen Wohltätigkeitsverein zu gründen. Auch die Kontakte zum Gustav-Adolf-Werk, die sich in der Folge als wegweisend herausstellen sollten, knüpfte er. Mit dem technischen Fortschritt im Verkehrswesen und dem Ausbau der Sommerresidenz zur ständigen Einrichtung ab 1864 bildete sich erstmals in Friedrichshafen eine schmale, bürgerliche Oberschicht mit höherem Bildungsanspruch, die vorwiegend protestantisch war. Die evangelische Kirchengemeinde wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitweise auf 1/3 der Bevölkerung an. Das Verhältnis der Konfessionen untereinander unterlag Veränderungen, die auch mit der politischen Großwetterlage zusammenhingen. In Friedrichshafen herrschte die  Sondersituation, dass das  württembergische Königshaus und ein Großteil der städtischen Elite evangelisch waren. So brachte die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg die Entwicklung einer „gediegenen Diasporagemeinde“. Stiftungen vermögender Bürger brachten die Infrastruktur der Kirchengemeinde voran (Haus Sofienhöhe in der Werastraße, Hüniheim), nach der Verwaltungselite war auch die industrielle Elite, die Manager und Ingenieure der Luftschiffbau-Produktionsstätten, vorrangig evangelisch. Symbol und Mittelpunkt der Gemeinde war die Schlosskirche, und längst war sie, nach bescheidenen Anfängen, zum adäquaten Zentrum einer aufstrebenden Gemeinde geworden.

Wandel

Seit der Industrialisierung verzeichnen wir neue Entwicklungstendenzen. Die Fertigung der Luftschiffe im Ersten Weltkrieg brachte massenhaft Arbeiter nach Friedrichshafen, trotz der Kriegsverluste stieg die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde erheblich. Konsequenz war die Einrichtung einer zweiten Stadtpfarrstelle 1918/19. Es erwies sich jedoch als schwierig, diese neu Zugezogenen in ein stabiles Gemeindeleben einzubinden. Ab dieser Zeit reißen die Klagen der Verantwortlichen über die Heterogenität und Fluktuation innerhalb der Kirchengemeinde nicht mehr ab. Die Auflösung der Monarchie brachte einen entscheidenden Prestigeverlust der alten bürgerlichen evangelischen Elite mit sich. Das Verhältnis zwischen den Konfessionen, das laut Pfarrberichten bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs ein schiedlich-friedliches war, wird nun rauer. Dass sich beide Stadtpfarrer in der Zeit des Nationalsozialismus, Wilhelm Duisberg und Karl Steger, jenseits aller sonstigen Differenzen, darin einig waren, dass durch die kommunale Gleichschaltung die evangelische Gemeinde endlich an der Stadtspitze repräsentiert sei und das Parteiengezänk durch eine einheitliche Bewegung ein Ende gefunden habe, ist zu konstatieren. Der Aufschwung der evangelischen Kirchengemeinde, der sich in den Mitgliederzahlen, der nötig gewordenen Ausdifferenzierung der Organisation, in der Vermehrung des hauptamtlichen Personals, des Ausbaus sozialer Dienste und des Vereinswesen, flankiert von reger Kirchenmusik, zeigte, wurde seitens der Gemeindemitglieder wegen des „Kirchenkampfes“ als eine Zeit der inneren Zerrissenheit erlebt. Die Fronten zwischen den Deutschen Christen, deren wichtigster Vertreter vor Ort Karl Steger war, und deren Gegnern bleiben bei näherer Betrachtung ambivalent: von einer kirchlichen Widerstandsbewegung kann für Friedrichshafen wohl nicht gesprochen werden.

Vielfalt

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg brachte wegen der Zerstörungen und Mitgliederverluste einen scharfen Einschnitt. Kirchliche Vereinsgründungen erfolgten schon bald wieder nach Genehmigung durch die Alliierten. Zwischen den Konfessionen bestanden nach wie vor trennende Tendenzen, so in Schulen und Betrieben.
Bis 1964 stieg die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde auf 11.500 an, und dies nur im inneren Stadtgebiet, ohne Manzell, Oberteuringen und Ailingen. Die Jugendarbeit, Kirchenmusik, Frauenkreise, das Männerwerk formierten sich neu und waren sehr aktiv. Hauptproblem war in Zeiten des Wiederaufbaus der gestiegene Raumbedarf. Zu den zwei bestehenden Pfarrbezirken kam 1952 der dritte, 1965 der vierte und 1973 der fünfte hinzu. Diese Daten markieren zugleich Wachstumsstufen der Stadt bis hin zur Kreisreform. Neben dem Leben in den Gemeinden gab und gibt es gemeinsame Großveranstaltungen wie die Evangelischen Gemeindetage und die Bodenseekirchentage seit 1984.
Die Einrichtung einer Gesamtkirchengemeinde bei gleichzeitiger Schaffung von vier selbständigen Kirchengemeinden 1994 war eine Antwort auf gesellschaftliche Trends zu mehr Flexibilität und Individualität. Jede Kirchengemeinde hat seitdem Spielraum zur Entfaltung eigener Aktivitäten, und jede bearbeitet einzelne Aufgaben, die alle angehen und die eine Gemeinde allein nicht schultern kann. 1992 wurde in der Seeregion ein „Dekanat Friedrichshafen“ eingeführt, 2004 umgewandelt in die Stelle eines Codekans, verbunden mit der geschäftsführenden Pfarrstelle der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde – ein Modell, das sich bis heute bewährt hat.

Dr. Hartmut Semmler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Stadtarchiv Friedrichshafen